Ich kenne kein Umfeld, in dem sich Freud und Leid so nahe stehen, wie bei einem Fußballspiel. Dabei ist es egal, ob man selber auf dem Feld steht, im Stadion sitzt, oder zu Hause vor dem Fernseher mitfiebert. Es ist dieses Wechselbad der Gefühle, das diesen Sport für mich zu etwas besonderem macht, denn wo sonst bekommt man schon 90 Minuten geboten, in denen die Stimmungslage so oft wechseln kann; von euphorischer Freude bis hin zu tiefer Traurigkeit, im Fußball ist alles drin.
Am intensivsten fühle ich Fußball, wenn ich im Stadion bin und meine Mannschaft – den Wuppertaler SV – anfeuern kann. Dabei achten wir stets – wir bedeutet mein Leidensgenosse Tim und ich -, dass wir in der Nähe des Fanblocks stehen um etwas von der Stimmung abzubekommen, aber immer noch so weit weg, dass man nicht dem pöbelnden Fußballvolk zugerechnet wird. Dort stehen wir also, während die Jungs sich auf dem Rasen schon mal warm machen, und das Kribbeln wird mit jeder Minute die wir uns dem Anstoß nähern intensiver. Den Blick haben wir dabei immer auf den Block der Gegner gerichtet, der sich in der Regionalliga irgendwo zwischen „eine mitgereiste Spielermutter“ (bei den Amateurvereinen der Bundesliga) und „Tobender Mob“ (3000 mitgereiste Dünamö Dresden Glatzen) bewegt.
Dann, wenn das Erwartungskribbeln so groß ist, dass man die Beine nicht mehr still halten kann, kommt die Mannschaftsaufstellung und damit auch die Möglichkeit seine Stimme für die nächsten 90 Minuten aufzuwärmen.
Der Anpfiff.
Das Spiel beginnt und schnell merken wir, dass wir unserem Gegner überlegen sind.
Angespannte Euphorie, Vorfreude auf ein mögliches Tor, Erleichterung.
Ein Pfostenschuss unseres Stürmers bringt uns in Wallung, lässt uns unser Gesicht in die Hände vergraben. Enttäuschung, aber auch Zuversicht.
Nächste Chance, ein Flachschuss aus 20 Metern – der gegnerische Torwart hält.
Wieder greift man sich an den Kopf, möchte sich vor Wut die Haare ausreißen.
Irgendwann muss der verfluchte Ball doch ins Tor landen!
Dann kommt ein Konter der Gegner. Sauber vorgetragen, ein Doppelpass reicht um unsere Abwehr auszuspielen. Schuss. Unser Torwart macht sich lang … vergebens. Tor.
Es ist wie ein Dolch aus Eis, der in dein Herz gerammt wird und dein Inneres gefrieren lässt.
Der Torschütze reißt die Arme in die Luft und rennt zum Gästeblock, um sich feiern zu lassen. In meinem erkalteten Herz spüre ich für einen Augenblick eine tiefe Abneigung, ja fast sogar Hass für diese Flachwichser, die jetzt feiern, wo wir doch eigentlich feiern sollten.
Dann kommt die Enttäuschung und die Gewissheit: jetzt stellen die sich hinten rein.
Man trotzt und erwartet eine Trotzhaltung seiner Mannschaft, doch die ist verunsichert, „agiert unglücklich“ und bringt es bis zur Halbzeit zu keiner nennenswerten Tormöglichkeit.
Niedergeschlagen setzt man sich auf seinen Hintern und muntert sich mit zuversichtlichen Ausreden auf.
Anpfiff zur zweiten Halbzeit.
Man wankelmutet Irgendwo zwischen Hoffnung, Trauer und Unzufriedenheit, während die Mannschaften den Rasen zu einem sportlichen Kriegsschauplatz verwandeln.
Das Spiel nimmt an Härte zu, so wie die Härte in uns, gegenüber dem Schiedsrichter, den gegnerischen Fans und sogar der eigenen Mannschaft.
Ein Pass unseres Mittelfeldrentners auf den Stürmer und der ist durch, schießt den Ball ins Tor und jubelt, so wie 5000 Wuppertaler mit ihm.
So laut, dass keiner den Abseitspfiff des Schiedsrichters hören konnte.
Freude. Erkenntnis. Enttäuschung. Feindseligkeit.
Was folgt ist ein gellendes Pfeifkonzert und ich stimme in den
„Fußball-Mafia-DFB“-Rufen ein.
15 Minuten noch zu spielen und plötzlich fällt ein Tor für uns … aus dem Nichts.
Eine uninspirierte Flanke unseres Rechtsaußen prallt gegen das Schienenbein eines gegnerischen Verteidigers und wird ins Tor abgefälscht.
Jubel! Tim und ich reißen die Hände in die Luft, fallen uns in die Arme und hüpfen aufgeregt, wie tanzende Kinder.
Ein Augenblick reines Glückes, der erwachsene Männer zu kreischenden Derwischen macht.
Ein Trockenorgasmus, der dich all deine Sorgen vergessen lässt.
Den Scheißjob, oder das Fehlen desselbigen.
Die kranke Mutter.
Die nörgelnde Frau.
Die beschissenen Schulnoten.
All das ist einen Augenblick lang unwichtig.
Was zählt ist der Ausgleich.
Es folgen 15 Minuten bangen.
Die eigene Mannschaft drängt auf das Führungstor, doch immer ist der Fuß eines Verteidigers, ein Pfosten oder ein Torwart im Weg.
Langsam wir die Zeit knapp, doch dann, in der Nachspielzeit passiert es:
unser Stürmer kommt in gegnerischen Sechszehner zu Fall.
Ein Pfiff. Alle Blicke richten sich auf den Schiedsrichter, der auf den Elfmeterpunkt zeigt.
Wieder Jubel, diesmal verhaltener, angespannter.
Hoffnung.
Der gefoulte Stürmer krallt sich den Ball.
Ein Raunen geht durch die Reihen.
Der gefoulte sollte niemals selbst schießen …
Er legt sich den Ball auf den Punkt, geht ein paar Schritte nach hinten und starrt auf das Leder.
Einwurf.
Ich selber bin übrigens ein ziemlich beschissener Elfmeterschütze.
In all den Spielen, die ich in meiner Betriebssport-Fußballer Karriere bestritten habe, habe ich zwei Elfmeter geschossen und bin beides Mal kläglich am Torwart gescheitert.
Einmal war es ein entscheidendes Aufstiegsspiel.
Dazu aber an anderer Stelle mehr.
Zurück zum Spiel.
Er legt sich den Ball auf den Punkt, geht einige Schritte nach hinten und starrt auf das Leder.
Trippelnden Schrittes nimmt er Anlauf und versenkt die Kugel rechts unten ins Tor.
Das Publikum ist nicht mehr zu halten und es rollt eine Jubelwelle über die Tribüne, in der die Fans im Freudentaumel gar nicht bemerken, dass der Schiedsrichter das Spiel beendet hat.
Die Spieler lassen sich feiern und so langsam lichten sich die Ränge.
Auch wir machen uns auf dem Weg.
Im Gesicht ein Grinsen, dass wir den ganzen Tag mit uns tragen werden.
Einen ganzen Heimspiel-Samstag.